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Wo Straßen und Verkehr der Natur keine Ruhe geben

Straßen und Verkehr wirken sich auf unsere Landschaft in vielfacher Hinsicht aus. Straßenlärm, getötete oder verletzte Tiere, die Zerschneidung von Populationen unserer Flora und Fauna und der Verlust ihres Lebensraums beschäftigen Naturschützer schon seit langem. Diese negativen Einflüsse waren jedoch bisher nur schwer zu beziffern. Eine jüngst in der renommierten Zeitschrift Landscape Ecology erschienene Studie zeigt nun einen Weg zur Bewertung von Störungen durch Straßen und Verkehr auf. Ein neu entwickelter räumlicher Index der Störung durch Straßen (SPatial ROAd Disturbance Index, SPROADI) erfasst hierfür sowohl die Straßendichte als auch die Intensität des Verkehrs.

Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg: Eine Autobahn von Berlin zur Ostsee verläuft durch das größte verbleibende Gebiet mit naturnahen Buchenwäldern im europäischen Tiefland (Foto: Pierre Ibisch).

Als Testgebiet wählte das Forscherteam des Zentrums für Ökonik und Ökosystemmanagement (Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und Writtle College, Großbritannien) das Bundesland Brandenburg, das als ländliche Region in direkter Nachbarschaft zu Berlin große Unterschiede in ihrer Straßen- und Verkehrsdichte aufweist.

Die Studie ist Teil einer Initiative für die Erhaltung von straßenfreien Räumen, die vom Europäischen Politik-Ausschuss der internationalen Gesellschaft für Naturschutzbiologie verantwortet wird. Nach Ansicht der beteiligten Wissenschaftler sind solche straßenfreien Räume bedeutsam für die Funktionstüchtigkeit der Landschaft, gerade in Zeiten des Klimawandels. “Gestresste Ökosysteme kommen im Allgemeinen nur schlecht mit weiteren Störungen zurecht und können sich folglich nicht ausreichend an den globalen Umweltwandel anpassen”, erläutert Professor Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule in Eberswalde, Organisator und Mitautor der Studie.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass nicht nur städtische Gebiete, sondern auch bewirtschaftete Wälder stark von Zerschneidung durch Straßen betroffen sind. Als Erklärung nennen die Autoren die Intensität ihrer kommerziellen Nutzung. In diesen Tagen steht das zuständige brandenburgische Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft in der Kritik, weil Forstwege mit Geldern der EU für den Brandschutz gegenwärtig stark ausgebaut werden. Naturschutzvertreter vermuten jedoch, dass dabei auch das Interesse, die Holzernte mit großen Maschinen zu erleichtern, eine wesentliche Rolle spielt (Märkische Oderzeitung vom 23.04.).

In Brandenburg sind bewirtschaftete Wälder nach städtischen Gebieten am stärksten von Straßen durchschnitten (Foto: Pierre Ibisch).

Die Forscher waren selbst überrascht, dass Schutzgebiete und ungeschützte Räume sich hinsichtlich Störungen durch Straßen und Verkehr kaum unterscheiden. Hier trete, so die Forscher, eine Schwachstelle in der bestehenden Praxis der Ausweisung von Schutzgebieten zu Tage. Die Autoren empfehlen, die Störung durch Straßen bei der Naturschutzplanung künftig stärker zu berücksichtigen.

Große Ackerschläge sind verhältnismäßig wenig von Straßen durchschnitten. Dies bezeugt aber weder die Abwesenheit von Verkehr noch einen guten Zustand der biologischen Vielfalt (Foto: Pierre Ibisch).

 

Zusätzlich zu ihren unmittelbaren negativen Auswirkungen sind Straßen der Ausgangspunkt eines problematischen ‚Dominoeffekts’: Sobald Straßen gebaut werden, werden unberührte Gebiete zugänglich für Jagd, Holzeinschlag, Freizeitaktivitäten oder für Siedlungsbau – und für das Planieren weiterer Straßen.

„Wir hoffen, dass SPROADI auch in anderen Gebieten und Ländern der Welt Anwendung findet“, so die Hauptautorin Lisa Freudenberger. Die Naturschutzwissenschaftlerin führte die Studie im Rahmen ihrer Promotion an. „Dies würde zeigen, wo die Erhaltung verkehrsarmer Räume am dringendsten ist.“

 

FREUDENBERGER, L., P.R. HOBSON, S. RUPIC, G. PE’ER, M. SCHLUCK, J. SAUERMANN, S. KREFT, N., SELVA AND P.L. IBISCH (2013): Spatial Road Disturbance Index (SPROADI) for conservation planning: a novel landscape index, demonstrated for the State of Brandenburg, Germany. Landscape Ecology, doi:10.1007/s10980-013-9887-8.